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Clubhouse: Ein Podcast-Format der Zukunft?

Fast alle reden von Clubhouse: Der Hype um die interaktive Social-Audio-App aus dem Silicon Valley hat 2021 auch Deutschland erreicht. Viele neue Möglichkeiten der Kommunikation eröffnen sich für Marken und Unternehmen. Doch die App wirft dabei nicht nur datenschutzrechtliche Fragen auf. 

Von Christian Reichel, Content Manager bei Bissinger+ 

Clubhouse hat die nächste Stufe des Podcast-Konsums eingeläutet. In der interaktiven Social-Audio-App wird das Sender-Empfänger-Prinzip gebrochen. Denn jeder Zuhörende kann auch zum Teilnehmenden einer Diskussion werden. In Zeiten von Corona, in denen der gemütliche Feierabend-Drink in der Lieblingsbar ausfallen muss, kommt die App also wie gerufen. Endlich wieder ein Ort (wenn auch virtuell), in dem sich viele Menschen live zu Themen austauschen, miteinander quatschen und bisher unbekannte Leute treffen können. 

Zwölf Millionen US-Dollar aus dem Silicon Valley 

In den USA ist Clubhouse bereits seit März 2020 auf dem Markt. Hinter der App stehen Paul Davison und Rohan Seth und ihr Unternehmen Alpha Exploration. Die beiden Clubhouse-Macher kommen ursprünglich aus dem Google-Universum. Zu Beginn konnten sie zahlreiche Investoren für sich gewinnen: darunter Risikokapitalgeber Andreessen Horowitz, dessen Gründer Marc Andreessen und Ben Horowitz zu den einflussreichsten Personen im Silicon Valley gehören. In ihrem Branchen-Reporting vom Dezember 2020 deuteten sie bereits auf die Evolution und Potenziale von neuen Podcast-Audioformaten hin. In Clubhouse investierten sie zwölf Millionen US-Dollar. 

Der Reiz von Clubhouse  

In der Social-Audio-App tummeln sich Marketing-Menschen, Techies, Medienleute und Early-Adopteraber auch deutsche Stars wie Schauspieler Elyas M’Barek, TV-Moderator Thomas Gottschalk, Künstler Fynn Kliemann oder Klimaktivistin Luisa Neubauer. Politiker*innen wie Dorothee Bär (CDU) und Christian Lindner (FDP) oder Influencerin Caro Daur sind ebenfalls dort zu hören. Das befeuert den Hype um die App noch mehr: die Möglichkeit, Prominenten, Politiker*innen oder Idolen eine Frage zu stellen oder mit ihnen zu diskutieren. 

In den USA zählte die App kurz vor Weihnachten bereits 600.000 Nutzer*innen (NYT), darunter Talk-Größe Oprah Winfrey, It-Girl“ Paris Hilton und Schauspieler Ashton Kutcher. Ende Januar 2021 zählt die App weltweit zwei Millionen Anwender*innen. Zum Vergleich: Die Anzahl der weltweit aktiven Instagram-Nutzer*innen beläuft sich auf mehr als 1 Milliarde. 

Eine App mit Sucht- und Spaßfaktor 

In Clubhouse finden Nutzende über Audio-Chaträume (Rooms) zueinander, in denen Gespräche zu vorher festgelegten Themen (Events) geführt werden. In den ersten Tagen der deutschen Clubhouse-Welle fanden hauptsächlich Diskussionen zu den Potenzialen der App in der deutschen Kommunikationsbranche statt. Daneben stieß gefühlt auch die komplette deutsche Gründer- und Venture-Capital-Szene dazu. Fernab der Unternehmer*innen etablieren sich auch erste Formate wie „Mittag im Regierungsviertel“, geführt von Journalist*innen aus Berlin. Hinzu kommen selbsternannte Expert*innen, die sich zu Tipps zur Selbstisolation oder zum Mobile Office austauschen. 

Eine App mit Potenzial für Marketer 

Grundsätzlich bietet Clubhouse viel Potenzial zum Austausch und zu aktiven Gesprächsrunden, vorausgesetzt andere Meinungen werden toleriert und nicht untergraben oder gar ignoriert. Chancen gibt es auch für Marken und Unternehmen, die in interaktiven Talk-Formaten, etwa zu Produkt-Launches, in den direkten Austausch mit ihren Kund*innen treten können. Da aufgrund der Corona-Pandemie Messen und große Marketing-Events wie die Online Marketing Rockstars erst mal nur im digitalen Raum stattfinden werden, verspricht Clubhouse auch hier Möglichkeiten zum gemütlichen Plausch unter Branchenkenner*innen undmacher*innen. 

Künstliche Verknappung als Marketing-Konzept 

Die App ist bisher nur für iOS Nutzer*innen verfügbar. Android-Smartphones bleiben noch außen vor. Die Clubhouse-Macher haben sich 2021 zum Ziel gesetzt, dies zu ändern. Damit iPhone-Besitzer*innen die App aktuell überhaupt nutzen können, müssen sie von aktiven Mitgliedern eingeladen werden. Die Einladungen sind heißbegehrt und werden bereits bei Ebay-Kleinanzeigen gehandelt. Hat man es ins Clubhouse geschafft, ist im Profil vermerkt, wer die Nutzer*innen eingeladen hat. Das Ganze funktioniert über die Mobilfunknummer. 

Datenschutz problematisch 

Gerade diese Marketing-Technik wird vor allem von Datenschützer*innen kritisch gesehen. Denn die App greift zum Beispiel auf sämtliche Kontakte der Nutzer*innen zu – eine umstrittene Methode, die auch von WhatsApp angewendet wird. Zudem scheint noch nicht allen ganz klar zu sein, was mit den Inhalten geschieht, die in den Rooms besprochen werden. Clubhouse weist beispielweise darauf hin, dass sämtliche Gesprächsrunden mitgeschnitten werden, um Verstöße gegen die Community Guidelines untersuchen zu können. Die aufgezeichneten und verschlüsselten Daten sollen nach Schließung eines Rooms wieder gelöscht werden, solange keine kritischen Vorfälle seitens der User gemeldet wurden. Kritisiert wird auch die Weitergabe der gesammelten Daten an Dritte und der Server-Standort in den USA.

Rundes Programm scheitert wegen Mangel an Diversität

Da die Inhalte, die bei Clubhouse landen, kaum (bis gar nicht) moderiert und gefiltert werden, besteht die Gefahr, dass sich dort Rassismus, Homophobie, Frauenfeindlichkeit und Verschwörungstheorien immer weiter ausbreiten. Daneben wird die App auch als elitär und ableistisch bezeichnet. Gehörlose etwa werden durch die reine Audio-Funktion vom Diskurs ausgeschlossen. Was zusätzlich auffällt: Oft sind es weiße Männer, die den Löwenanteil der Gesprächszeit einnehmen. Es bleibt spannend, ob sich die Macher mehr für Content-Moderation einsetzen werden, um diskriminierenden Inhalten Einhalt zu gebieten. 

Ein Hype mit ungewisser Zukunft 

So groß der Hype um Clubhouse aktuell auch scheinen mag, so unsicher ist die Zukunft der App. Das neue soziale Netzwerk bietet viele Möglichkeiten des Networkings und produktiven Austauschs zu allerlei Themen, wird aber noch eine Weile brauchen, um wirklich ausgereift zu sein. Ob sich das Programm halten kann, wird sich zeigen zumal die Funktionen der App sehr leicht von den großen Playern am Social-Media-Markt kopiert werden können. 

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